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Neuer Kulturhaus-Chef Mürle: „Es war ein Wagnis, aber ich habe es nie bereut“

Pforzheim. Nach dem Abschied von Maria Ochs im Frühjahr wird im Kulturhaus Osterfeld nun aus der Not- eine Dauerlösung. PZ-Redakteur Michael Müller hat sich mit dem Geschäftsführer Andreas Mürle über seine Pläne unterhalten. Er ist der dritte Geschäftsführer in 25 Jahren Kulturhaus Osterfeld und will das vielfältige Veranstaltungsangebot beibehalten sowie neue Einnahmen generieren.

PZ: Herr Mürle, wie ist Ihre Gefühlslage: Überwiegt Freude, oder befürchten Sie: Jetzt wird’s ernst?

Andreas Mürle: Meine Gefühlslage ist sehr gut. Der Schritt in die Geschäftsführung war anfangs schon ein Wagnis, hat sich aber immer gut und richtig angefühlt. Ich habe es nie bereut. Das Haus hat viel Schwung bekommen. Und das intensivere Zusammentreffen mit den Künstlern macht mir großen Spaß.

PZ: Wann wurde klar, dass das Haus die Stelle nach der gescheiterten ersten Runde nicht nochmals ausschreiben will?

Andreas Mürle: Am Anfang gab es Vorbehalte, weil ich einen anderen Hintergrund habe als meine beiden Vorgänger. Aber in den letzten Monaten kam immer häufiger die Frage, ob ich’s mir nicht dauerhaft vorstellen könnte. Irgendwann sind mir die Argumente ausgegangen, weil auch das Umfeld sehr positiv reagiert hat – sowohl im Haus, als auch in der Öffentlichkeit. Vorletzte Woche ist in der Mitgliederversammlung und dann im Vorstand die Entscheidung gefallen: Was sollen wir suchen, wo wir die Lösung schon gefunden haben?

PZ: Sie waren als leitender Angestellter eines Versandhändlers in der Logistikleitung für 500 Mitarbeiter zuständig. Was können Sie davon mitnehmen?

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Andreas Mürle: Im Bereich der Ablauforganisation haben wir zum Beispiel ein Veranstaltungsmanagement-System mitentwickelt, das die Abwicklung vereinfacht und Abläufe verkürzt. So können wir uns die Energie für Anderes, Kreatives aufsparen.

PZ: Wie ist denn im Osterfeld Ihr Stil der Mitarbeiterführung?

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Andreas Mürle: Kollegial. So wird es mir widergespiegelt. Natürlich weht in der Logistik ein rauerer Wind. Es gab Befürchtungen, dass dieser nun im Osterfeld Einzug hält. Doch das hat sich nach einigen Tagen gegenseitigen Beschnupperns gedreht. Und ich bin mit meinem Büro von den gegenüberliegenden Räumen an der Osterfeldstraße ins Haupthaus gezogen. So haben wir kürzere Wege. Es herrscht große Offenheit im Umgang mit den 20 Mitarbeitern, Praktikanten und Auszubildenden. Ich habe ja ohne große Übergangsphase übernommen. Wir mussten das Team erst mal stabilisieren, weil vier von 13,5 Stellen zum 1. April wegen Berentung, Elternzeiten und Leitungswechsel ersetzt werden mussten. Die Stelle des ausgeschiedenen Stellvertreters Bernd Kotz wurde nicht ersetzt, das kompensieren wir gemeinsam.

PZ: Wo konnten Sie Akzente setzen?

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Andreas Mürle: Wir haben neue Ideen in der Vermarktung generiert. Da hat sich optisch einiges getan, auch im Internet, oder mit QR-Codes im Programmheft. Wir haben ein gutes Programm, wollen es aber noch bekannter machen. Bei Kindern und Jugendlichen gibt es Nachholbedarf. Für sie haben wir den Flyer „Vorhang auf für Kidzz“ herausgebracht und mit der Theaterpädagogin Bettina Lell das Format der Sitzkissenkonzerte entwickelt. Bei Studenten sehen wir riesiges Potenzial. Daher habe ich mit der Hochschule zwei Projekte angestoßen: das Validieren des Crowd-fundings und ein Konzept, wie man Studenten besser als Zielgruppe erschließen kann.

PZ: Haben Sie als Wirtschaftsingenieur genügend Expertise und Kontakte, um ein soziokulturelles Zentrum zu führen?

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Andreas Mürle: Ich bin schon seit Gerhard Barals Zeit, also seit 23 Jahren, im Haus dabei und seit 14 Jahren einer der beiden Vorsitzenden, war also an vielen Programmpunkten und im operativen Geschäft beteiligt. Ich bin in die Strukturen reingewachsen und tiefer in der Materie drin, als ich es teils selbst gedacht hatte. Bei vielen Künstleragenturen konnte ich an die guten Kontakte des Kulturhauses anknüpfen.

PZ: Aber wie gehen Sie bei der Programmgestaltung vor?

Andreas Mürle: In der Vergangenheit war das eine One-Man- und One-Woman-Show. Das ist nicht mehr zeitgemäß, weil man kaum die Möglichkeit hat, in der Kleinkunst- und Veranstaltungsbranche den Überblick zu behalten. Daher habe ich eine Programmgruppe ins Leben gerufen, in der Mitarbeiter und Mitglieder der Urvereine und des Fördervereins Ideen einbringen.

PZ: Wie geht das in der Praxis?

Andreas Mürle: Die Ideen kommen in einen digitalen Pool und auf einer Plattform kann abgestimmt werden. Das ist eine Art virtueller Programmrat, an dem zehn bis 20 Leute beteiligt sind. Die Stimmenkönige schauen wir uns alle drei bis vier Wochen im Programm-Stammtisch an und entscheiden, was in die Buchungsabteilung des Hauses geht.

PZ: Mehr Comedy, weniger Musik? Was wollen sie anders machen?

Andreas Mürle: Erstes Ziel ist, die Breite beizubehalten. Am Mischungsverhältnis der Sparten, am Charakter des Hauses soll sich nichts ändern. Im Kabarett/Comedy-Bereich spüren wir die größte Nachfrage. Das ergibt eine gute Grundauslastung.

PZ: Bei manchen schlecht besuchten Veranstaltungen legen Sie aber ordentlich drauf.

Andreas Mürle: Ja, wir haben aber eine Deckungsbeitragsrechnung eingeführt, damit wir schauen können, wo wir über oder unter Plan liegen. Wir haben Veranstaltungen, bei denen wir wissen, dass wir drauflegen. Aber das muss geplant sein, mit betriebswirtschaftlichem Blick. Es ist Teil unserer Aufgabe, dass wir Nachwuchs fördern, in allen Sparten. Das ist unsere Verantwortung, wir bekommen Zuschüsse für die Künstlerförderung. Irgendwo müssen neue Stars ja auch herkommen.

PZ: 2018 hatte das Osterfeld die schwarze Null. Soll das dauerhaft so bleiben?

Andreas Mürle: Es muss weiter ein ausgeglichener Haushalt sein. Eine der Herausforderungen dabei ist die vernünftige Bezahlung der Mitarbeiter. Durch die Tarifsteigerung müssen wir jedes Jahr zusätzlich 17.000 bis 19.000 Euro erwirtschaften, weil der städtische Zuschuss auf dem Niveau von 2012 stagniert. Auf Dauer benötigen wir mehr, denn auch der Förderverein hat trotz seines Zuschusses von 100.000 Euro im Jahr seine Grenzen bei einem Haushaltsvolumen von 2,6 Millionen Euro. Wir müssen mit unserem Geld also effektiver umgehen und versuchen, neue Einnahmen zu generieren.

PZ: Welche weiteren Impulse soll es geben?

Andreas Mürle: Wir beleben Formate wieder. Es gab einmal die Reihe „Fragen der Zeit“, die haben wir neu aufgesetzt unter dem Titel „Osterfeld for Future“. Sie startet im Januar mit Vortrag und Diskussion zum Thema Künstliche Intelligenz. Wir wollen bei aktuellen Themen Wissen vermitteln. Und wir wollen das Haus weiter öffnen für alle Arten von Begegnung, zum Beispiel mit einem Mädchenflohmarkt.

PZ: Was ändert sich im Musikbereich?

Andreas Mürle: Da diskutieren wir, was wir für lokale Bands tun können und entwickeln Formate über das Shortplay Festival hinaus. Mit Dieter Huthmacher feiern wir sein 50-jähriges Bühnenjubiläum. Das Boris-Ritter-Trio wird seine Premiere im Februar haben, und die Gruppe Quiet Lane feiert Release-Party.

PZ: Wie sieht es schließlich mit den Eigenproduktionen aus?

Andreas Mürle: Das Winterträume-Varieté ist unsere Premiummarke. Sie entscheidet, wie der Haushalt des Jahres letztlich abschließt. Auch die Produktionen des Amateurtheatervereins haben ihren festen Platz.

ZUR PERSON

Andreas Mürle wurde 1976 in Pforzheim geboren. Nach dem Abi 1996 am Theodor-Heuss-Gymnasium war er Zivildienstleistender im Osterfeld. Seit 1997 ist Mürle Mitglied im Organisationskomitee für das Internationale Pforzheimer Musik- und Theater Festival. 1997 bis 2004 studierte er an der Uni Karlsruhe Wirtschaftsingenieurwesen. Ab 2004 arbeitete er in verschiedenen Logistik-Positionen bei der K-Mail Order GmbH (Klingel-Gruppe), ab 2012 in leitender Funktion. Seit 2005 ist er einer der beiden Vorsitzenden des Osterfeld-Vereins und nun dauerhaft Geschäftsführer des Kulturhauses.