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Dessous, Wäsche, Bademoden: Eine große Stammkundschaft schätzte das vielfältige und wertige Angebot von Ulrike Staib. Bald ist es Geschichte.

Brötzingen verliert einen weiteren Anker: Nach fast 60 Jahren schließt das Fachgeschäft Staib-Dessous

Pforzheim. "Ein hartes Pflaster", hatte die PZ im März 2018 getitelt, als Einzelhändler Jörg Augenstein eindringlich vor einem weiteren Niedergang der Brötzinger Fußgängerzone warnte. Inzwischen hat Augenstein selbst auch das zweite und letzte seiner „Klittich“-Modehäuser geschlossen. Nun müssen Freunde dieses Stadtteils und Stammkunden eines alteingesessenen Fachgeschäfts eine weitere bittere Pille schlucken. Staib-Dessous macht zu – am Donnerstag kommender Woche beginnt in der Westlichen 275 der Ausverkauf.

Klar, Inhaberin Ulrike Staib ist 64 Jahre alt und hat sich nach fast 50 Jahren in Vollzeit-Beschäftigung – mit 14 Jahren hatte sie beim Versandhaus Wenz die Lehre zur Großhandelskauffrau begonnen – die Rente redlich verdient. Aber das allein begründet den Abschied nicht. „Es lohnt sich nicht mehr“, sagt Staib. Sie sieht die Entwicklung der einst so lebendigen Brötzinger Mitte mit größter Sorge.

Eine Erfolgsgeschichte

Staib – das war in Pforzheim und der Region ein Name mit Klang. Bereits 1961 hatte Schwiegermutter Gisela Staib in der Westlichen 249 ein kleines, aber feines Wäsche-Corsett-Geschäft gegründet. 1965 zog man in größere Räumlichkeiten an der Westlichen 277 um. Und weil es durch die Ende der 1970er-Jahre erfolgte Sanierung des Zentrums „mit Brötzingen aufwärts“ gegangen sei, wurden die Verkaufsräume bald um eine Bade- und Freizeitmodenabteilung erweitert. Der 1994 am anderen Ende der Fußgängerzone eröffnete Calida-Shop ermöglichte eine noch größere Vielfalt im Sortiment. 2003 übernahm Ulrike Staib die Geschäftsleitung, 2004 wurden beide Läden am heutigen Standort, wo lange Jahre Schlecker eine Drogerie betrieben hatte, zusammengeführt.

Und nun? „Trotz täglichen Einsatzes, Kundenorientierung, Beständigkeit, Anspruch an Qualität und fachgerechter, persönlicher und freundlicher Beratung durch gute und treue Mitarbeiterinnen geht diese Ära nun zu Ende“, resümiert Ulrike Staib. Wohl bis Ende November wird es satte Rabatte geben, dann ist Schluss. Gerade für ihr aus sechs Teilzeitkräften bestehendes Team tue es ihr „sehr leid“. In der Familie gebe es keinen potenziellen Nachfolger, ein externer Interessent für eine Weiterführung habe dann doch wieder abgewunken. „Ich könnte es auch in der jetzigen Situation niemandem empfehlen“, sagt Staib. Präsent ist noch die Erinnerung an gute Zeiten, gerade in den 1990er- und auch noch in den 2000er-Jahren, als teils „richtig Betrieb“ herrschte in der Fußgängerzone und auch aus dem Enzkreis und aus Mühlacker Bummler kamen und zu Stammkunden wurden – zwei Drittel mache der Anteil der Stammkundschaft aus.

Im Zentrum geht’s abwärts

Doch dann setzte sich die Abwärtsspirale in Gang. Der Wegfall der Parkplätze am Langen Hof durch den Bau des Lebenshilfe-Hauses vor vier Jahren habe dem Zentrum noch einmal „einen richtigen Knacks“ gegeben. Der Drogeriemarkt dm war hinüber zu Aldi verlagert worden, und in der Fußgängerzone machte in den zurückliegenden Jahren ein Geschäft nach dem anderen dicht: Metzgerei Staib und Konditorei Boley, die erlesene Buchhandlung und einer der beiden Optiker, Klittichs Modeläden. Die Folge: Es fehlt an Laufkundschaft, Frühlingsfest wie Martinimarkt sorgen jeweils nur kurz für einen kleinen Schub. „Immer weniger Kunden finden den Weg nach Brötzingen“, sagt Staib, „und die treuen Kunden, die es noch gibt, werden weniger.“ Die ältere Generation sterbe langsam aus, und viele junge Leute setzten auf Billigware aus dem Discounter oder dem Internet, die rasch wieder in der Tonne lande und die Klimakrise weiter verschärfe. „Wertiges mit Qualität wirft man nicht so schnell weg“, gibt Staib zu bedenken.

Für die Treue sei sie wie die Schwiegermutter ihrer Kundschaft äußerst dankbar, sagt Ulrike Staib, die „mit einem lachenden und einem weinenden Auge“ schließt: „Alles hat ein Ende.“ Worauf sie sich nun freut? „Ich kann es noch gar nicht sagen“, meint sie nur. Zu sehr ist der jahrzehntelange Arbeitsalltag in Fleisch und Blut übergegangen. „Die ersten paar Wochen werden sich wohl anfühlen wie Urlaub“, sagt Ulrike Staib. Und dann? „Vielleicht ein bisschen mehr wandern und reisen.“ Allerdings: Ihr Ehemann hat noch einige Arbeitsjahre bis zur Rente vor sich.

Was genau mit den dann leerstehenden Räumen geschieht, ist noch nicht spruchreif. Aber als Laden werden sie wohl nicht mehr genutzt werden. Der Einzelhandel verschwindet aus Brötzingen. „Das ist schade für den ganzen Stadtteil“, sagt Staib.

Mancher Laden wird zur Praxis werden

„Es ist sehr bedauerlich, dass in Brötzingen erneut ein inhabergeführtes Fachgeschäft schließt“, sagt auf PZ-Nachfrage Oliver Reitz, der Direktor des städtischen Eigenbetriebs Wirtschaft und Stadtmarketing Pforzheim (WSP). Der „ursprünglich recht vielfältige Mix aus solchen Fachgeschäften mit persönlichem und qualifiziertem Beratungsangebot“ erfahre dadurch „eine weitere Verringerung der Sortimentsbreite im Stadtteil Brötzingen“.

Reitz hält fest, dass jede einzelne Veränderung für sich zu betrachten sei. Mal sei der Anlass für eine Betriebsaufgabe die persönliche Lebenssituation, mal mangele es an geeigneten Nachfolgern, mal wirkten sich „immobilienwirtschaftliche Kriterien“ aus, zumal es einen Unterschied mache, ob ein Händler sein Geschäft in angemieteten Räumen betreibe oder aber selbst Eigentümer des Ladenlokals sei. Allerdings: Es sei „nicht von der Hand zu weisen“, dass das Kaufverhalten sich immer stärker hin zum Online-Handel und zu großflächigen Einkaufszentren verändert habe und für den innerorts ansässigen Fachhandel „schwierigste Rahmenbedingungen“ entstanden seien.

Der WSP habe solche Veränderungsprozesse im Blick und unterstütze mit dem Immobilienservice die Suche nach neuen Nutzern aus Einzelhandel, Gastronomie oder Dienstleistungen. Auch bei Zwischennutzungen habe man nicht nur in der Innenstadt in den zurückliegenden Jahren verschiedene Ideen umsetzen können, so Reitz: „Wobei ich gestehe, dass solche Maßnahmen des Leerstandsmanagements keine Dauerlösung sein können und dies auch nicht sollen.“ Als Reaktion auf die veränderte Marktsituation dürfe sich auch und gerade in Erdgeschosslagen der Blick nicht nur auf mögliche neue Nutzer allein aus dem Bereich des Handels richten. „So sehe ich Interessenten für ebenerdige Geschosse verstärkt auch in Praxen oder Kanzleien, denke aber auch an Beratungsstellen, Kinderbetreuung oder Fahrschulen“, erläutert Reitz: „Denn mit dem Wunsch nach Barrierefreiheit prüft mancher solcher Dienstleister den Wechsel aus oberen Etagen in besser erreichbare Erdgeschosse.“