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Die Corona-Schließung ihrer Gaststätten hat viele Wirte hart getroffen. Nicht jeder Betrieb hat die Krisenzeit überstanden. Foto: Christoph Soeder/dpa

Bittere Corona-Folgen: Jede siebte Gaststätte in Pforzheim und Enzkreis hat zu gemacht

Enzkreis/Pforzheim. Jetzt sind die ersten Auswirkungen der Pandemie auf die Gastro-Landschaft in der Region schwarz auf weiß zu lesen. Die jüngsten Zahlen des Statistischen Landesamts Baden-Württemberg liegen der PZ exklusiv vor. Die Corona-Maßnahmen haben demnach die Region besonders hart getroffen – deutlich mehr Betriebe mussten hier schließen, als im Landesdurchschnitt.

Im Enzkreis gaben 15,4 Prozent der Restaurants und Imbisse im ersten Corona-Jahr 2020 auf, in Pforzheim waren es 12,8 Prozent. Damit wurden die Gastronomen in der Region deutlich stärker von den coronabedingten Schließungen getroffen als der Landesdurchschnitt (-11,4 Prozent).

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Tendenz klar zu erkennen

Nur teilweise überrascht zeigt sich der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) angesichts dieser jetzt offiziellen Zahlen. „Das schmeißt unsere Eindrücke nicht komplett über den Haufen“, sagt der Pressesprecher des Dehoga-Landesverbands Baden-Württemberg, Daniel Ohl, „aber es macht die erheblichen Auswirkungen der Krise noch deutlicher sichtbar.“ Der Verband habe damit gerechnet, dass es Schließungen geben werde.

„Die Zahlen zeigen einen starken Rückgang“, so Ohl: „Pforzheim und Enzkreis sind sogar deutlich stärker betroffen. Die Tendenz ist nicht von der Hand zu weisen.“

Dennoch sei die Ansicht des Verbands bestärkt, dass es zu keinem flächendeckenden Einbruch der Branche gekommen ist.

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An den Mitgliederzahlen des Verbands selbst, der 12.500 der rund 30.000 Betriebe in Baden-Württemberg vertritt, konnte die jüngste Entwicklung zuvor nicht abgesehen werden. „Wir haben in den vergangenen Jahren sogar leicht Mitglieder hinzugewonnen“, sagt Ohl. Das könne dadurch erklärt werden, dass in der Krise mehr Gaststätten die starke Vertretung eines Verbands suchen würden.

Der Dehoga lässt angesichts der vielen Schließungen noch nicht die Alarmglocken schrillen: „Ich würde das nicht als zu dramatisch bezeichnen“, sagt Ohl: „Zu Beginn der Pandemie haben wir in einem Statement vehement klargemacht: Wenn nichts passiert, ist ein Drittel der Betriebe vom Aus bedroht. Zum Glück ist dann etwas passiert.“ Die staatlichen Hilfen hätten tatsächlich geholfen und das Überleben der meisten Gaststätten gesichert. „Wir können jetzt sagen: Keine Branche wurde so hart getroffen wie unsere, aber wir wurden nicht vergessen“, so Ohl.

Wie lief es im Jahr 2021?

Wie viele Schließungen es 2021 gab, ist noch offen. Die Statistik des Landesamts erscheint erst mit einem Jahr Verzögerung. Eine Prognose, wie viele Restaurants in diesem zweiten Pandemiejahr das Handtuch geworfen haben, traut sich Ohl nicht zu. Auf der einen Seite könnte es zu ähnlich vielen Schließungen wie 2020 kommen. Auf der anderen Seite könnten die großen Novemberhilfen 2020 das Rad auch gedreht haben. Die, die bis dahin überlebt haben, erhielten 75 Prozent ihres weggefallenen Umsatzes vom Staat erstattet. So könne es auch sein, dass 2021 deutlich weniger schließen mussten als zu Beginn der Pandemie.

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Um sich ein genaueres Bild der Lage zu machen, will Ohl die Statistik der Betriebe abwarten, die tatsächlich Umsatzsteuer zahlen. In dem jetzigen Zahlenwerk des Statistischen Landesamts würden nämlich alle Betriebe aufgeführt, „auch die, die nur auf dem Papier existieren.“ Darin enthalten seien auch kleine Nebenerwerbe oder solche Restaurants, die noch gar nicht mit dem Betrieb gestartet hätten. Also auch alle, die unter 17.500 Euro im Jahr erwirtschaften. „Es könnte sein, dass da der ein oder andere in der Krise diesen Nebenerwerb aufgegeben hat“, so Ohl.

Viel schlimmer sieht der Dehoga-Vertreter, dass die überlebenden Gaststätten über kaum noch finanzielle Rücklagen verfügen würden. Etliche hätten zudem Schulden aufnehmen müssen. Deshalb fordert sein Landesverband, der der größte in Deutschland ist, dass die Mehrwertsteuer für die Gastro dauerhaft auf sieben Prozent gesenkt bleibt. Momentan gilt diese Reduzierung der Steuer nur befristet bis Ende 2022. Der Appell: „Die großen Effekte der Krise werden sich erst in den kommenden Jahren zeigen. Deshalb müssen langfristige Entlastungen für die Wirte her.“