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Noch kurz vor der Sperrstunde beweist Nick Borzer im „Rosenrot“ seine Kunst im Cocktailmixen.
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Barbetreiber und Gäste sind nicht begeistert von der neuen Sperrstunde in Pforzheim

Pforzheim. Leere und auch halb gefüllte Gläser stehen verlassen auf den Tischen. Auf einigen Tellern liegen noch Essensreste. Die Stimmung ist gespenstisch, denn bis auf einige Angestellte ist niemand mehr im Raum. Pünktlich um 23 Uhr schließt Andreas Hermes die Tür zum „The Irish Pub“. Bis eben waren noch nahezu alle Plätze besetzt, unter Einhaltung der Abstands- und Hygienevorschriften herrschte beste Stimmung. Nach dem Lockdown im März hat für die Wirte am Samstag die Sperrstunde begonnen.

Virus kennt keine Uhrzeit

„Für mich macht das Ganze wenig Sinn“, erklärt Hermes, stellvertretender Geschäftsführer. Ein Blick vor die Tür bestärkt seine Bedenken, die Gäste tummeln sich vor den Räumlichkeiten und erst nach einigen Minuten löst sich die Menschenansammlung auf. Zwar ist keine aggressive Stimmung zu erkennen, aber oftmals kommt Unverständnis zum Ausdruck. „Für mich wäre es neu, dass sich das Virus an eine Uhrzeit hält, deshalb kommt die Schließung einer Bevormundung gleich“, zeigt sich eine Person besonders enttäuscht. Ein anderer macht klar, dass dann die Party eben zuhause weitergehe. Die Frage, ob es dabei bei der derzeit erlaubten Anzahl von maximal fünf Personen bleibe, beantwortet er mit einem Grinsen. Er soll nicht der einzige bleiben, der auf der Straße selbiges erzählte. „Im Pub haben wir die Leute auch in den Nachtstunden im Griff, aber wenn wir ihnen um 23 Uhr vorzeitig den Spaß nehmen und sie geballt vor die Türe werfen, dann können wir nichts mehr tun“, so Hermes.

Tags zuvor haben die Verantwortlichen des Pubs den Live-Ticker zu den Corona-Verordnungen im Stadt- und Enzkreis verfolgt. Dass die Gastwirte mit einem blauen Auge davon kamen, möchte Hermes nicht so stehenlassen. Kurzfristig mussten Dienstpläne umgeschrieben werden, unter der Woche und an den Wochenenden benötigt der Pub aufgrund der weggefallenen Öffnungszeit drei Arbeitskräfte weniger. „Finanziell ist die Sperrstunde ein enormer Einschnitt“, schildert Hermes. Gegen 23 Uhr wechseln in der Regel die Gäste und bis um 3 Uhr sei der Pub voll.

Fehlende Kommunikation

Enttäuscht zeigt sich Hermes von der Kommunikation mit der Stadt. Abgesehen von zahlreichen Kontrollen habe es seit Beginn der Corona-Pandemie keine Gespräche gegeben. Sämtliche Verordnungen müssten selbst in Erfahrung gebracht und umgesetzt werden.

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Den fehlenden Informationsfluss bestätigt auch Ines Blattner vom „Rosenrot“ in der Nordstadt. „Die Regeln ändern sich täglich und wenn man sich nicht daran hält, dann drohen sofort Bußgelder“, kritisiert sie. Vor allem am Wochenende trifft die Sperrstunde das „Rosenrot“. Laut Blattner werde das Lokal oftmals als Einstimmung für den Abend genutzt. Da nun nach 23 Uhr ein Verbot herrscht, entschieden sich die Leute oftmals direkt, daheim zu bleiben. Zudem spiele der Faktor Angst eine Rolle. „Die Angst der Leute ist deutlich spürbar und die Absagen an Reservierungen hat in der Vorwoche deutlich zugenommen“, bedauert Blattner.

Branche im Nachteil?

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Sie selbst finde die Angst unbegründet, da bisher nicht nachgewiesen werden könne, dass die Gastronomie als Infektionsherd diene. Blattner und Hermes beteuern, dass sämtliche – teils mit Kosten verbundenen – Regeln eingehalten würden, aber es von politischer Seite keine Würdigung gebe. „Es kommt mir so vor, dass auf unsere Branche weiter eingetreten wird“, zeigt sich Blattner wütend. Über einen zweiten Lockdown wollen beide nicht nachdenken.

Hierbei ginge es nicht nur um ihre Existenzen, sondern auch um jene der Mitarbeiter. Die Gäste beider Lokale sprechen den Betreibern Mut zu. „So lange wir dürfen, werden wir euch unterstützen“, ist aus vielen Mündern zu hören.

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Treffpunkt McDonalds

Dass die Bedenken der Wirte nicht unbegründet sind, zeigt sich in der Stadt. Immer wieder sind nach 23 Uhr Gruppen von mehr als fünf Leuten auszumachen. Im Park am Schloßberg tummeln sich Jugendliche um eine Bank, an der benachbarten Bushaltestelle stehen rund 20 Personen auf engem Raum. Fußball-Lieder werden angestimmt, aber die Stimmung bleibt friedlich. Bei McDonalds auf der Wilferdinger Höhe stehen die Autos im Drive-In Schlange. Davor wird gemeinsam gegessen. Es scheint so, dass sich das Nachtleben vom beobachteten in den unbeobachteten Raum verlagert hat. Die gespenstischen Momente verharren in den Räumlichkeiten der Gastronomen.

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