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Aus der Traum – Warum die Corona-Krise auch eine Krise für die Grünen ist

Ein Kommentar von PZ-Chefredakteur Magnus Schlecht

Eines muss man den Grünen lassen: Sie haben sich seit Ausbruch der Corona-Pandemie in Deutschland äußerst loyal verhalten – loyal gegenüber der Bundesregierung im Kampf gegen das Virus. Die Partei von Robert Habeck und Annalena Baerbock hat ihre Profilierungsstrategie, mit der sie dank der Klimaschutzdebatte in Umfragen zu einer Kanzlerpartei aufgestiegen war, komplett abgelegt. Das war im Sinne der Pandemiebekämpfung richtig und wichtig. Doch der Traum von Grün-Schwarz ist dadurch vorerst ausgeträumt. Während die Union dank Corona in der Wählergunst auf nicht mehr für möglich gehaltene Höhen emporsteigt, befinden sich die Grünen im freien Fall.

Freilich: Eine Krise wie diese stärkt das Vertrauen in die Regierenden – sofern sie die Herausforderungen auch meistert. Und das tut die Bundesregierung weitgehend. Daran ändert auch nichts, dass die Bundesländer mittlerweile sagen, wo es in der Krise langgeht. Das war wohl nötig, um den Menschen in Deutschland wieder eine Mut machende Perspektive zu geben. Ob dieser Vertrauensvorschuss in das Verantwortungsbewusstsein der Bevölkerung gerechtfertigt war, wird sich zeigen. Man kann es nur hoffen. Die Grünen aber, so viel steht fest, werden ihr Problem trotzdem nicht los. Denn die Partei macht sich auch selbst das Leben schwer. Derzeit beschränkt sich ihre öffentliche Wahrnehmung darauf, den Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer nach seinen umstrittenen Äußerungen loszuwerden. Hinzu kommt, dass in Baden-Württemberg immer mehr Bürger enttäuscht sind vom Krisenmanager Kretschmann. Es mag dessen Methode sein, auch im Kampf gegen das Virus besonnen und unaufgeregt zu agieren. Dennoch hat die Beliebtheit des grünen Ministerpräsidenten gelitten – zu zögerlich und zu unentschlossen waren seine Entscheidungen. Seine Aussagen teils nicht der Situation angemessen. Möglicherweise hat er, der Angela Merkel sehr schätzt, zu viel Rücksicht auf den Kurs der Kanzlerin genommen.

Corona hat die Grünen jedenfalls in eine Identitätskrise gestürzt. Dabei bietet gerade die Nach-Corona-Zeit eine Menge ur-grüner Themen. Viel ist die Rede vom Aufbruch in eine neue Zeit, in der Nachhaltigkeit, die Zügelung der Globalisierung und mehr Regionalität für einen vernünftigeren Wohlstand sorgen sollen. Nach wie vor spricht deshalb viel dafür, dass Habeck und Baerbock diesen Wandel nach der Bundestagswahl in einer Regierung mitgestalten können. Jedoch wohl nur noch als Juniorpartner in einer schwarz-grünen Koalition.